DIY.fm und Co: Radio zum Selbermachen

DIY.fm Logo. Quelle: DIY.fm

Bereits im vergangenen Post haben wir einen Blick in die Radio-Glaskugel geworfen: Die Smartphone-App „NPR One“ des US-amerikanischen National Public Radio spielt genau die Wortbeiträge, die den Hörer interessieren – egal wo er sich aufhält oder welche Interessen er hat. Außerdem überzeugte die leichte Handhabung. Selbstverständlich sind dort alle Inhalte nur auf Englisch verfügbar. Doch auch zwei Angebote aus dem deutschsprachigen Raum versuchen das Internetradio zu personalisieren und vielleicht sogar auf diese Weise zu revolutionieren. Grund genug, einen Blick auf diese Projekte zu werfen: DIY.fm aus der Schweiz und MyRadioDay aus Deutschland.

MyRadioDay

Während NPR One aus dem riesigen Pool von Beiträgen und Nachrichten der diversen NPR-Partnerstationen aus den ganzen USA zurückgreifen konnte, muss das deutsche Startup „MyRadioDay“ bei Null anfangen: Das Projekt versteht sich als personalisiertes Inforadio, bei dem sich jeder Nutzer in Ruhe eigene Wiedergabelisten mit verschiedenen Themen einrichten kann, die dann auf Knopfdruck zusammengestellt und abgespielt werden. Im Bad oder auf dem Weg zur Arbeit könnte dann etwa die „Morgen“-Playlist abgespielt werden, welche Nachrichten und einen Blick in die Finanzwelt präsentiert, während man in der „Feierabend“-Playlist die Sportmeldungen vom Tage abonniert hat.

Wiedergabelisten in der MyRadioDay-App. Quelle: Screenshot

Wiedergabelisten in der MyRadioDay-App.

Produziert werden diese Inhalte von MyRadioDay selbst, zugreifen kann man darauf per Computer oder mobilem Browser unter www.myradioday.de nach einer kostenfreien Registrierung. Alternativ stehen Apps für Android-Telefone und iPhones zur Verfügung, die einen aufgeräumten und leicht zu bedienenden Eindruck machen – und im Test auch bereits tadellos funktionierten. Wer gelegentlich eingestreute Werbespots nicht hören möchte, kann einen monatlichen Betrag entrichten. Doch zumindest im Moment scheint sich das kaum zu lohnen: Nur wenige Themen stehen bisher zur Verfügung, meistens sind das ausschließlich 10 bis 15 Nachrichtenmeldungen, die immerhin mehrmals täglich aktualisiert wurden. Doch diesen Service bietet etwa der Deutschlandfunk ebenfalls mit seinem Nachrichtenpodcast.

Nachrichten in der MyRadioDay-App.

Nachrichten in der MyRadioDay-App.

Doch das Konzept, sich Wortbeiträge nach eigenem Gusto aus verschiedenen Ressorts selbst zusammenstellen zu können, ist spannend – zumal die Entwickler daran gedacht haben, auch eine „Top Meldungen“-Funktion einzubauen. So, das verspricht man jedenfalls, soll man keine wichtigen Ereignisse verpassen. Hat man sich beispielsweise grundsätzlich gegen Wirtschaftsnachrichten entschieden, aber die „Top Meldungen“-Funktion sicherheitshalber hier aktiviert, hört man trotzdem eine Neuigkeit aus der Finanzwelt, wenn diese von großer Relevanz ist.

Technisch scheint das Portal aus Nutzersicht zu funktionieren. Jetzt gilt es, das Themenangebot weiter auszubauen. Theoretisch wäre auch die Verknüpfung mit einem Musik-Streamingdienst wie Spotify oder iTunes Radio eine sinnvolle Möglichkeit. Besonders spannend wäre natürlich die Kooperation mit bereits bestehenden privaten oder öffentlich-rechtlichen Rundfunksendern aus Deutschland.

DIY.fm

In dieser Hinsicht schon jetzt deutlich aufregender ist da ein Projekt aus der Schweiz: Von der öffentlich-rechtlichen SRG SSR kommt DIY.fm, „Do It Yourself“, Radio zum Selbermachen also. Sowohl auf dem Computer als auch dem Smartphone oder Tablet-PC lässt sich dieses Portal nutzen, doch gerade auf mobilen Endgeräten entfaltet es seine gesamte Funktionspalette: DIY.fm mixt Musik oder Live-Radio mit Wortinhalten, die der Nutzer vorher aussucht. Bereits im Portal enthalten sind alle Podcasts der öffentlich-rechtlichen Schweizer Sender, doch auch jeder andere beliebige Podcast (!) kann hinzugefügt werden.

Hat man diese Einstellung getätigt, greift die Software dann auf die Musikdateien zurück, die auf dem Smartphone oder Tablet abgespeichert sind. Die Podcasts können zu einem festgelegten Zeitpunkt starten oder dann wiedergegeben werden, sobald sie verfügbar sind.

Welcher Radiosender bietet den Musikteppich, welcher die News? Screenshot von DIY.fm.

Welcher Radiosender bietet den Musikteppich, welcher die News? Screenshot von DIY.fm.

Auf Wunsch können auch die Nachrichten auf Deutsch, Französisch, Italienisch oder Rätoromanisch live gestreamt werden: Zur vollen Stunde wird der Musikfluss dann unterbrochen und automatisch auf den Webstream der News umgestellt – und danach wieder zurück. Das ist praktisch und angenehmer, als wenn man manuell von Musik-App zur Radio-App wechseln müsste.

Personalisiert, aber seelenlos

Wer nicht die eigene MP3-Datenbank auf dem Smartphone als Musikteppich auswählen will, kann genauso auch eine SRF-Welle (z.B. Radio Swiss Pop, Radio Swiss Jazz, SRF Radio 1 oder Option Musique) oder gar einen beliebigen Livestream (!) wählen, in welchen die Nachrichten und / oder Podcasts gemixt werden sollen. Das ist ein durchaus pfiffiges Konzept. Doch wenn von Musik zum Podcast und wieder zurückgeschaltet wird, wird das Lied, das auf dem gewählten Radiosender läuft, unsanft unterbrochen, der Wechsel geschieht also nicht in den Pausen zwischen der Musik. Eine automatisch korrekte Abstimmung wäre in diesem Fall sicherlich schwierig zu realisieren, dennoch entsteht so der Eindruck eines automatisierten Radioprogramms ohne Seele. Nutzt man die eigene MP3-Sammlung als Musikquelle (oder könnte man, z.B. in einer späteren Softwareversion, auch Titel von Spotify auswählen), dann ist der Wechsel etwa zum Podcast hin und wieder zurück deutlich sanfter. Diese Funktion steht aber nicht zur Verfügung wenn man das Portal unter www.diy.fm aufruft, sondern ausschließlich in der App.

DIY.fm überrascht durch seine vielfältigen Möglichkeiten: Jeder Podcast und jeder Livestream (im AAC+ oder MP3-Format) kann eingebunden werden, per Smartphone-App wird sogar mit der persönlichen Lieblingsmusik ein einzigartiges Radioprogramm gemixt. Im Test gab es allerdings auf einzelnen Android-Geräten noch technische Schwierigkeiten, doch die Schweizer zeigen hier auf, in welche Richtung sich das (personalisierte) Radio der Zukunft entwickeln und zeigen zusammen mit NPR One und MyRadioDay, was eines Tages aus dem klassischen, linearen Hörfunk werden könnte. Eine weitere, denkbare Möglichkeit: Sollte Spotify eines Tages eine Kooperation mit einem Anbieter von Wortinhalten eingehen oder gar mit einem der hier erwähnten Projekte zusammenarbeiten, so könnte dieses automatisierte, personalisierte Radio nicht nur eine große Reichweite erzielen, sondern vielleicht sogar zu einer ernstzunehmenden Alternative in der Hörfunkszene werden. Wenn auch eine etwas seelenlosere. Denn aus Moderatoren(persönlichkeiten) werden hier Infolieferanten, die die ihnen zugewiesenen Takes füllen müssen – ohne die Möglichkeit, vom einen Beitrag zum anderen oder gar zur Musik zu leiten.

Sicher, bei manchem Radiosender ist das jetzt schon Realität, obwohl hier gar nicht Personalisiert wird. Persönlichkeiten sind zu Moderationsrobotern verblasst. Geht das so weiter, könnte der lineare Hörfunk seine Alleinstellungsmerkmale verlieren. Doch er könnte auch versuchen seine Stärken herauszuentwickeln. Dann könnten lineares Radio und personalisierte Webangebote nebeneinander existieren.

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