Die Deutschen können’s ja doch!

HamburgSetzen Sie sich langsam, schnallen Sie sich an und machen Sie sich auf eine überraschende Wahrheit gefasst: Auch in Deutschland kann man gutes Radio machen. Was man jahrelang nur den Niederländern, Franzosen, Briten und Amerikanern zugetraut hat, existiert auch in der Bundesrepublik: Hörfunk, bei dem einen das Ohr aufgeht.

Treuen Netzfunklesern bereits bekannt sein dürfte das enorm erfreuliche Radio Eins vom RBB, FluxFM aus Berlin, Bremen und Stuttgart sowie der geschätzte, befreundete Sender unseres Blogs Absolut Radio. Freuen Sie sich nun auf zwei weitere spannende Tipps mit Musik abseits des Mainstreams.

Die Bayern können’s auch.

„Bayerisches Radio, das klingt, hach, das klingt halt so, als käme es wirklich von Herzen“ meinte einst ein (bayerischer) Radiomacher. Und ganz Unrecht hat er nicht: 2008 ging egoFM an den Start und beerbte das Volksmusikprogramm Radio Melodie auf seinen fünf UKW-Frequenzen im Freistaat. Und begann Jugendradio zu machen, dass nicht so klingt, als würde es seiner Zielgruppe keine musikalische Abwechslung aufgrund von chronischer Hirnunterfunktion zutrauen. Sondern als würde es vom Ohr direkt ins Herz gehen. Der Tipp zum Reinhören klingt einfallslos, bringt die musikalische und inhaltliche Ausrichtung des Programms aber auf den Punkt: Schalten Sie die Morgensendung „Morgenröte“ ein, werktags von 6 bis 10 Uhr. Und erleben Sie eine Morningshow, die in punkto Moderation unheimlich ungekünstelt klingt und ohne tragikomische Comedy auskommt. Auch das Tagesprogramm wird größtenteils von unaufgeregten, jungen, frischen Moderatoren bestritten, manchmal ergänzt durch zugegebenermaßen recht leichte Kost, was die redaktionellen Beiträge angeht. Auch die Musiksondersendungen in den Abend- und Nachtstunden mögen nicht jedermanns Sache sein, was sich auch in den Gesamt-Einschaltquoten wiederspiegelt. Dennoch sei an dieser Stelle mehr egoFM für den Rest des Landes gefordert, Projekte wie die „Lokalhelden“ (Musik von kleinen Bands aus der Region, Sonntags 15 Uhr) oder „Junge Talente“ (Nachwuchsradiomacher dürfen sich ausprobieren, Dienstags 20 Uhr) verdienen eine größere Verbreitung. Möge diese Welle auch nördlich des Weißwurstäquators ihre bayerische Radioliebe in den Äther senden!

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Zu den ältesten Radiosendern der Neuzeit der Hansestadt Hamburg gehört Alster Radio. Was 1991 als reines Schlagerprogramm startete, wandelte sich später zum Rock-Pop-Formatradio. Im Funkhaus des Senders muss es jedoch einige Mitarbeiter gegeben haben, die ihrer Kreativität freien Lauf lassen wollten – und sich nach langem Zurückhalten endlich in der Führungsetage durchsetzen konnten. Oder es gab einfach einen pfiffigen Geschäftsführer mit Liebe zum Radio und zu Independent Music, Jazz und Rock.

Wie dem auch sei: Das Alsterprogramm funktionierte seine eigentlich für regionale Berichterstattung und Sportübertragungen gedachte Stadtfrequenz 91,7 MHz flugs zu einem Hort guter Musik um: Zum Reeperbahn Festival im Herbst 2010 startete 917xfm. Rein rechtlich nur ein „Regionalfenster“ – das jedoch den ganzen Tag sendet und ein Radioprogramm, dass seinem Slogan „Hamburgs Musiksender“ alle Ehre macht, werden hier doch Künstler wie Paolo Nutini, Gotye oder Death Cab for Cutie nicht nur mit ihren allseits bekannten Radiohits in die Playlist gelassen, sondern auch mit dem, was sonst nur auf B-Seiten verschimmelt und kaum den Weg in die „großen“ Radiostationen findet. Einziger Wehmutstropfen: Redaktionelle Inhalte beschränken sich meist auf kurze Veranstaltungstipps, CD-Hinweise oder kleine Gewinnspiele sowie Nachrichten zur vollen Stunde. Mehr Wortbeiträge gibt es nur von 19 bis 22 Uhr, wenn die Webradiomacher von byte.fm auf die Antenne gelassen werden, die aus dem Bunker auf dem Hamburger Heiligengeistfeld senden.

Projekte wie diese und andere, ähnliche bereichern inzwischen die deutsche Radiolandschaft. Noch sind sie klein und senden meist nur im digitalen oder regionalen Äther. Vielleicht erobern sie sich aber eines Tages noch mehr Wellen – und Hörer. Zu wünschen wäre es der Radiowelt jedenfalls. Weitermachen!

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