Radio wie ein Tagesbad in Lourdes

Radio France Paris

Frankreich-Stereotypen sind furchtbar ausgelutscht. Baguette, Baskenmütze, Louis de Funès, Napoleon. Gewisse Vorurteile bemühen sich die Franzosen jedoch auch gerne zu festigen. Der Radiosender FIP ist nämlich der offizielle Sender, um sich den Kräuterfrischkäse aufs Baguette zu schmieren, das Croissant aufbacken zu lassen oder sein Fass Merlot zu streicheln.
„Aufatmen! Sie hören FIP!“ – Das ist der Slogan der Hauptstadtwelle von Radio France.

France Inter Paris ist der offizielle Sender der Entspannung für den stress- und staugeplagten Pariser, der sich beim stop-and-go-Voranwackeln mit seinem Renault im bouchon auf einer Stadtautobahn der Eiffelturmmetropole so fühlen möchte, als tuckere er genüsslich in seinem wohlgefederten Citroën 2CV an der Seine entlang.

FIP, mit seinen wohligen, weiblichen Moderatoren, den Fipettes, traut sich eine Musikmischung, die Ihresgleichen sucht. Auf ein klassisches Konzert, folgt ein Chanson, Weltmusik oder eine Popmusikperle aus Frankreich, gerne auch Jazz (!), Blues (!!), Bossa Nova (!!!) oder eine orchestrale Version von „Fahrn auf der Autobahn“ (auf Deutsch!). Die Ansagen, also Veranstaltungshinweise oder Verkehrslageberichte, klingen, selbst wenn man sie versteht und kapiert, dass einem zehn Kilometer Stau den Feierabend zermürben werden, wie ein dahinfließendes Gedicht aus warmer, mit Champagner verfeinerter Schokolade mit kecker Instrumentalmusikunterlage oder wie ein Tagesbad in den Quellen von Lourdes.

  • Hören kann man das alles in 1A-Qualität via Satellit oder im Internet im Radio France-Webplayer: http://fipradio.fr/player

Übrigens: Wenn bei Radio France gestreikt wird, dann schieben die Techniker gerne FIP auf den entsprechenden Sendeweg als Ersatzprogramm. Denn FIP spielt fast immer lockere Musik – die dann vielleicht auch die Gemüter der erbosten Hörer beruhigt, wenn sie bemerken, dass das eigentlich gewünschte Programm nicht ausgestrahlt werden kann. Und die Fipettes säuseln ihnen dann wieder Entspannung ins Ohr. Wenn es einen Radiogott gibt, er wohnt diesen Damen wegen – natürlich – in Frankreich.

Ein Kommentar

  1. Jan sagt:

    FIP ist wirklich einmalig und hörenswert.

    Das mit der FIP-Aufschaltung während eines Streiks stimmt allerdings nicht ganz, dafür gibt es eigene, unmoderierte Ersatz- oder Notprogramme. Im Falle von France Inter ähnelt jenes allerdings FIP im weiteren Sinne. Siehe:
    http://www.lexpress.fr/culture/musique/greve-a-france-inter-qui-programme-la-musique_1208790.html
    http://www.rue89.com/2010/09/23/quand-france-inter-est-en-greve-qui-programme-la-musique-168015

    Und, ja, der Radiogott würde wirklich in Frankreich leben, während bei uns der „neue Musikmix“ mit den „besten Hist“ und „mehr Abwechslung“ für teuflische Verblödung sorgt…

    In England gab es mal (oder gibt es noch?) Radiopiraten, die einfach FIP auf ihren nicht genehmigten UKW-Sender aufschalteten – keine schlechte Idee.