Radio aus Ländern, die es nicht gibt

Straßenszene in Tiraspol

Was haben Georgien und Moldawien gemeinsam? Nun, Teile ihres Staatsgebiets gehören ihnen nicht, obwohl sie ihnen gehören – oder nicht?

Die einen finden diese Situation konfus, für viele andere ist es aber nur der ganz normale Wahnsinn, den sie in ihrem Alltag erleben. Sie haben Pässe von Ländern in der Tasche, die es eigentlich nicht gibt. Staaten wie Transnistrien oder Abchasien sind international nur von wenigen anderen Ländern offiziell anerkannt oder ihre Existenzberechtigung wird stark bestritten. Sie verschaffen sich aber mit lauten und interessanten Radiowellen auf dem Globus Gehör.

Wer gerne auf Kurzwelle unterwegs ist, kennt zumindest einen Rundfunksender aus einem Land, das es nicht gibt: Seit Jahren schon sendet Radio PMR aus Transnistrien. Transnistrien oder auch kurz und knapp Pridnestrowskaja Moldawskaja Respublika (PMR), wird „noch nicht einmal von Russland anerkannt“, wie Radio Rumänien International es einst in einem Kommentar erwähnte. Radio PMR jedenfalls betreibt insgesamt zwei Programme aus dem von Korruption, Leninstatuen und chronischer Nichtbeachtung geplagten Land. Im Angebot des Radiosenders ist auch das bestimmt ganz beliebte Auslandsprogramm mit Nachrichten- und Propagandablöcken auf Englisch, Französisch, Deutsch und Russisch. Viele dieser Nachrichtenblöcke werden so emotionslos vorgetragen, dass man den Sprechern am liebsten einen Intonationskurs mit Schwerpunkt Propaganda bei der Stimme Koreas in Pjöngjang vermitteln möchte. Ausschließlich in Russisch und auch mit ein wenig Pfiff sendet jedenfalls das Inlandsprogramm von Radio PMR, welches in den Abendstunden Nachrichten und Berichte im Programm hat und Dank www.radiopmr.org weltweit ganz ohne Kurzwellenstörungen zu empfangen ist. Im Programm sind neben ABBA und anderen unbekannten Kleinodien aus der westlichen Popwelt auch russischsprachige Klassiker sowie regionale Schätzchen aus Transnistrien. Ob sich die PMR auf diese Weise versucht, in der internationalen Staatengemeinschaft Gehör zu verschaffen?

Abchasien

Transnistrien versucht dies auch durch eine Mitgliedschaft in der „Gemeinschaft nicht anerkannter Staaten“. Ebenfalls Mitglied dieser Organisation ist Abchasien und das, obwohl das Land im Kaukasus inzwischen von international hochgeschätzten Staaten wie Nauru, Vanuatu, Venezuela und Nicaragua anerkannt wird. Russland selbstverständlich tut dies ebenso, Georgien und die meisten NATO-Staaten jedoch sind sich einig darüber, dass es sich bei Abchasien um ein Land auf von Russland okkupiertem, georgischem Gebiet handelt. Dem Kurzwellenhörer ist auch diese Republik nicht fremd, der Staatsfunk Abkhaz Radio kommt gelegentlich mit einem seiner Kurzwellensender auf leicht variabler Frequenz bis nach Europa herein. Im Internet hingegen muss man auf das Hauptprogramm aus Sochumi verzichten, kann sich dafür aber die nach eignen Angaben „erste freie Radiostation aus Abchasien“ anhören.

Radio Soma, wie sich der Sender nennt, richtet sich an eine eher jüngere, tanzfreudige Zielgruppe. Allerdings mischen sich beim Privatradio aus Suchumi auch häufig Titel aus den internationalen Charts in die Rotation, die das Angebot an Musik in Russisch ergänzen. Klingt insgesamt gar nicht so, wie man sich Abchasien vorstellt und ist technisch gesehen recht hochwertig produziert. Wer Russisch spricht und sich für die Berichterstattung in den regionalen Gazetten interessiert, kann im laufenden Programm und auf der Homepage www.radiosoma.com einer Presseschau begegnen, die sich mit den Ereignissen in dieser interessanten Republik beschäftigt. Dank Übersetzungsprogrammen im Internet lässt sich auch für nicht-russischsprechende ein kleiner Einblick in Textform in dieses Land ermöglichen. Fazit: Wer sich durch gelegentliche Einwürfe von westlichen, totgenudelten Formatradiohits nicht abschrecken lässt, wird Radio Soma bestimmt häufiger auf der virtuellen Radioskala eingestellt haben. Belohnt wird man nämlich durchaus mit bereits im Pop-Kurzzeitgedächnis verlorenen Songs, die im deutschen Radio schon länger nicht liefen. Eine etwas größere Auswahl an Jingles hätte man produzieren können, die albumorientierte Musikauswahl ist aber ziemlich ansprechend. Chapeau in die komische Ex-Sowjetrepublik.

Fassen wir zusammen: Radio aus Ländern, die es nicht gibt, ist laut und zumeist spannend. Wohl genauso spannend wie zu politische Zukunft dieser Nationen. Seien wir gespannt, wer sich wo als nächstes abspaltet und in seinem neuen „Staat“ eine eigene Radiostation eröffnet.

 

 

Kommentare sind geschlossen.